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Ein Winternachtstraum

Autor: Michael Fiukowski         🔘         Lesezeit: ~4 Minuten          🔘         Zeitraum: 14. März (Vesterålen)

Trauriger Abschied

Ein letztes Mal schaue Ich wehmütig aus dem Fenster in die Finsternis. In der Ferne erhellen unnatürlich, aneinander gereihte Punkte die norwegische Dunkelheit. Zum Unmut meiner sind es jedoch keine Sterne, sondern Straßenlaternen, die die schneebedeckte Straße vor unserer Unterkunft in ein künstliches Licht tauchen. Mein Blick richtet sich hoffnungsvoll gen Himmel über den Vesterålen. Seit den Mittagsstunden schiebt sich dort schwermütig eine dichte Wolkendecke über die bizarr anmutende Landschaft.

Sarah und Ich liegen im Bett, die Sachen bereits komplett in der Tasche verstaut. Es ist unsere letzte Nacht hier auf der Huskyfarm von Uwe. Wir reflektiere die letzten 9 Tage unserer Reise und haben schon jetzt Fernweh nach Skandinavien. Denn obwohl es hier im Winter, im Gegensatz zu Deutschland, viel früher dunkel wird, herrscht den ganzen Tag eine ganz spezielle, greifbare Atmosphäre, die einen in den Bann zieht. 

Da! Siehst du das auch?!

Wir machen das Licht aus. Nach einigen Minuten rüttelt Sarah leicht an meiner Bettdecke und sagt mir, dass sie da draußen einen Stern sieht. Ungläubig meine ich zu ihr, dass es sicher nur eine Laterne ist. Sie beharrt darauf und ich schaue mit zusammen gekniffenden Augen konzentriert aus dem Fenster. Es ist schon weit nach 23 Uhr und die Straßenlaternen werden jeden Tag ab diesen Zeitpunkt ausgeschalten. Tatsächlich! Wie durch ein Wunder ist der Himmel wolkenfrei. Sofort checke ich die Polarlichter-App und verfalle plötzlich in grenzenlose Freude & Panik. Seit Beginn unserer Reise ist die Aktivität so hoch wie noch nie zuvor. Hektisch will ich den Reißverschluss meiner Reisetasche öffnen, der einfach nicht aufgehen will. In völliger Absurdität beschimpfe Ich die Tasche, bis sie aufgrund meiner Worte nachgibt und sich endlich in einem Schwung öffnen lässt. Wild durchsuche ich Sie nach allem, was mich da draußen warm hält. Das Thermometer am Fenster zeigt fröstelnde -13°C an. Ich ziehe mir jeweils zwei Paar Socken, Unterhosen und Unterhemden an. Darüber Pullover, Daunenjacke, Windjacke, Halstücher und eine flauschige Wintermütze. Die Reisetasche ist jetzt gefühlt leer und die ersten Schweißperlen laufen am Rücken entlang. Ich stolper im Eiltempo die Treppe hinunter, schlüpfe in die Stiefel und reiße die Tür nach Draußen auf. Im Bruchteil einer Sekunde trifft die beißend, kalte Luft auf mein glühendes Gesicht. Spätestens jetzt bin ich wieder hellwach und meine Sinne sind geschärft für alles, was kommen soll.

Was den Himmel erhellt

Meine Augen brauchen etwas, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, doch schon jetzt sehe ich in der Entfernung mit bloßem Auge ein grünes, waberndes Licht am Himmel. Ich laufe schnell hinter das Haus, bis ich durch knietiefen Schnee abrupt abgebremst werde. Ich stapfe weiter in die Dunkelheit, immer wieder den Pfad verfehlend und teils bis zur Hüfte einsinkend. Man hört nichts, außer das Knirschen des Schnees. Vor mir erstreckt sich die Bergkette und darüber, in satten Farben, die Polarlichter. Mit buchstäblich offenem Mund stehe ich da und höre mich selber einige Male HammerAlter Schwede oder Krass sagen. Dabei steht Sarah seit längerer Zeit unbemerkt neben mir. 

Voller Ekstase und Glücksgefühle benötige ich einige Zeit, um diesen Moment zu realisieren und unser Glück zu fassen. Dabei nimmt die Intensität der Nordlichter immer weiter zu. Sie scheinen fast greifbar, weil Sie direkt über uns tanzen. Nach einiger Zeit tut mir der Nacken weh und Ich lasse mich spontan, rücklings in den Tiefschnee fallen und schaue nun unbeschwert in den tiefschwarzen Nachthimmel, der mit Millionen von Sternen und Farben, wie ich sie zuvor nie gesehen hatte, erhellt wird. Es wirkt alles so unwirklich und umso faszinierender auf mich, hier, so weit weg von Berlin, von den künstlichen Lichtern der Großstadt. So schnell wie alles begonnen hat, ist es nach knapp 20 Minuten auch wieder vorbei. Das Glück schien an diesem Tag mit uns gewesen zu sein. Hätte Sarah nicht aus dem Fenster geschaut, wären wir einfach eingeschlafen und hätten wohl einen der besten Momente unserer Reise verpasst. Überwältigt von einzigartigen Gefühlen und Eindrücken, die man wohl nur hier, oberhalb des Polarkreises bekommen kann, gehen wir völlig geschafft in unser kuscheliges, vorgewärmtes Bett zurück. Ein skandinavischer Winternachtstraum, den wir mit offenen Augen erleben durften.

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